Adivasi-Koordination

Solidarität mit
Indiens
Ureinwohnern

Literatur

Anmerkung: Diese Literaturliste ist noch im Aufbau und daher bei weitem nicht vollständig. Informationen über fehlende Literatur können an den Webmaster gesendet werden.

Von der Adivasi-Koordination herausgegebene Bücher

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Sachbücher/wissenschaftliche Publikationen

Ram Dayal Munda, Adi-Dharam. Religious Beliefs of the Advasis of India. An outline of religious reconstruction with special reference to the Jharkhand region. 48 S., Euro 4.-, Insti­tutionen Euro 6.-,  Bhubaneswar 2000.

Bezug: Johannes Laping, Mandelring 49, 67433 Neustadt/W., sarini-jl@gmx.de

Dr. Ram Dayal Munda, einer der wenigen auch international bekannten Sprecher der Adivasi und zugleich als Wissenschaftler auf die Ureinwohner-Kultur spezialisiert, stellt hier die Grundzüge der religiösen Praxis von Adi­vasi vor allem in der Jharkhand-Region vor. Hauptkennzeichen dieser Praxis ist die starke Betonung der Gemeinschaft. In erster Linie will der Autor einen Beitrag dazu leisten, daß sich die Adivasi die zunehmend ver­drängten Traditionen wiederaneignen können. Aus die­sem Grund ist parallel auch eine Aus­gabe des Büchleins in Hindi erschienen. Übersetzungen in weitere indische Regional- und Stammes­sprachen sind in Arbeit.


sarini Occasional Papers No.1: Indigenous Peoples in India, 61p., 1997. Dieses Buch ist z.Z. vergriffen. 

Inhalt: I.Who are the Adivasi? II. The situation of the Adivasi on the national level III. The situation of the Adivasi on regional level IV. Adivasi and forest – adivasi and land V. Adivasi and autonomy


Mallebrein, Cornelia: Die Anderen Götter. Volks- und Stammesbronzen aus Indien.

Umschau Buchverlag 1999. 559 S.,

Im Zuge der Modernisierung Indiens sind gerade die Traditionen der Waldbewohner und die des ländlichen Indiens einem rapiden Zerfall ausgesetzt. Es ist deshalb wichtig, die Herkunft der Bronzen, die Art ihrer Herstellung und die religiöse Bedeutung sowie ihre Funktion, z.B. im Ritual, so weit wie möglich zu erforschen und festzuhalten, wie es hier geschehen ist. Der umfassende Katalog zu einer Ausstellung des Rautenstrauch-Joest-Museums für Völkerkunde der Stadt Köln, Ergebnis einer umfassenden interdisziplinaren Studie und Feldforschung. Empfehlenswert!

Abdruck der Kurzbeschreibung aus: Ergänzungsliste zur 4. aktualisierten Auflage (Juli 2004) der INDIEN – LESEEMPFEHLUNGEN, herausgegeben von der Indienhilfe e.V., 82211 Herrsching

Belletristik

Sarini in Zusammenarbeit mit Adivasi-Organi­sationen in Indien (Hg.), Stimmen der Adiva­sis. „In unseren Träumen sehen wir unser Land“. Verlag Bonner Siva Series, Axel Wag­ner, 142 Seiten, Euro 12,00. ISBN 3-926548-98-3. Von diesem Buch gibt es auch eine englische Ausgabe. Infos: sarini, c/o Johan­nes Laping,  e-mail: sarini-jl@gmx.de

Nur wenigen hierzulande ist bekannt, daß Indien eines der Länder mit einem mit acht Prozent recht hohen Anteil an Ureinwohnern  ist. Entsprechend spärlich ist die deutsch­sprachige Literatur zu die­sem Thema. Immer­hin gibt es eine einführende Darstellung (Rainer Hörig, Selbst die Götter haben sie uns geraubt, Indiens Adivasi kämpfen ums Überleben, 1990) und ein leider vergriffenes Buch, das den Zugang zur Kultur eines be­stimmten Ureinwohner-Volkes vermittelt (Stefan Fuchs, Das Leben ist ein Tanz. Lie­der der indi­schen Ureinwohner, 1990). Die “Stimmen der Adi­vasi” stellen eine Novität dar. Erstmals kommen Adivasi selbst zu Wort. Dies ist Ausdruck einer Hoffnung ma­chenden Entwicklung. Über lange Zeit gehörten die Ureinwohner zu den Bevölkerungs­gruppen, die kaum zu Gehör kamen. Die in dem Buch dokumentierten Zeugnisse stammen alle aus neuerer Zeit. Technische Hilfsmittel wie unter anderem Tonband- und Videogeräte haben eine Auf­zeichnung der „Stimmen“ erheblich vereinfacht. Dagegen zeigen die Inhalte, daß die Nöte der Urein­wohner zunehmen: Auf­grund von Großprojekten und allgemeinem Bevölkerungswachstum sind sie mehr denn je in der Defensive. Ihre Lebensgrundlage wird mehr und mehr eingeschränkt. Aufgrund von Originalaussagen bietet das Buch auch  ei­nen Einblick in den entsprechenden Wider­stand. Die ausgewählten Texte sind von einer gro­ßen Eindringlichkeit und einer hohen dichterischen Qualität. Beim Lesen des Bu­ches entsteht nie das Gefühl, langatmige Re­solutionen vor sich zu haben. Damit auch der Leser, für den das Thema neu ist, sich zu­rechtfindet, gibt es zu jedem der fünf Ab­schnitte eine Einführung so­wie Erläuterungen zu den einzelnen Texten. Es handelt sich um ein rundherum gelungenes und ansprechen­des Werk.

Hans Escher


Mahasweta Devi, Pterodactylus. Roman. Ins Deutsche über­tragen von der „Heidelberger Südasien­gruppe“. Verlag Bonner Siva Series, Axel Wagner, Bonn 2000, Euro 12,00. Noch wenige Exemplare erhältlich: sarini, c/o Johan­nes Laping,  e-mail: sarini-jl@gmx.de

Einer Privatinitiative haben wir es zu verdan­ken, daß erstmals ein größeres literarisches Werk der indischen Schriftstellerin Mahas­weta Devi in deutscher Sprache vorliegt. Die in Kalkutta lebende 74jährige Autorin ist eine Intellektuelle, die sich einmischt. Sie schreibt und handelt für die Benachteilig­ten ihrer Ge­sellschaft. In den letzten Jahren wurde sie vor allem wegen ihres Einsatzes für die ehemals als kriminelle Stämme gebrandmarkten Ur­einwohner-Völker bekannt. Auch wenn sie nicht mehr direkt als verbreche­risch bezeich­net werden, müssen diese Völker auch im unabhängigen Indien mit dem von den Kolo­nialherren übernommenen Kainsmal des Kri­minell-Seins leben. Mahasweta Devis politi­sche Leistung findet eine Entsprechung in ihrem literarischen Wirken. Mehrfach hat sie Aner­kennung in Form von angesehenen Li­teraturpreisen erhalten. Thema des 1987 erstmals in einer Zeit­schrift veröffentlichten Pterodactylus ist ebenfalls das Schicksal von Indiens Stammesvölkern. Der Titel des Ro­manes kommt von einem Schatten, der in Gestalt eben die­ser Urreptil-Art geheimnis­voll über dem Ort der Hand­lung, einem Stammes-Gebiet in Zentralindien, schwebt und der die Figuren des Stücks in sei­nem Bann hält. Den Ur­einwohnern vom Volk der Nagesias zeigt die Himmelserschei­nung, daß nichts in ihrem Leben mehr im Lot ist. Das Eindringen der „Zivilisa­tion“ hat die Totenruhe der Vorfahren zerstört, indem etwa Straßen über deren Grä­ber errich­tet wurden. Mit dem Pterodac­tylus als beherrschenden Faktor des Romanes gibt die Autorin einen Einblick in das Denken von Menschen, die, des Lesens und Schreibens unkundig, ihr Le­ben als von übersinnlichen Kräften bestimmt interpretieren: „’Sie mußten sich irgendeine Erklä­rung schaffen: für diese Kreatur oder den Schatten. Sie bekommen weder Nah­rungsmittel, noch Wasser, noch eine Straße. Es gibt keine Jagd mehr. Singen und Tanzen hören auf’“ (S.35). Von daher ist der Ptero­dactylus weniger ein phantastischer Roman als ein dem Denken und Fühlen von Urein­wohnern ziemlich nahekommendes Werk. Diejenige Figur der Handlung, die den Leser an diese völlig fremde Welt heranführt, ist der Jour­nalist Puran Sahay, der auf Einla­dung des mit ihm befreundeten, für Entwick­lungs­maß­nahmen zuständigen Beamten Ha­ris­haran den Entwicklungsblock Pirtha  be­sucht. Da­durch, daß diese beiden Protagoni­sten als aufrichtig, ehrlich und artikuliert prä­sentiert werden, wird es der Autorin möglich, in einer Vielzahl von Dialogen das Leben in der indi­schen Provinz direkt und realitätsnah zu schildern. Mahasweta Devi verrät dabei eine intime Kennerschaft der Mentalität der im ländlichen Raum Handelnden, wozu vor allem die in einem Spannungsverhältnis stehenden gewählten Politiker und die Beamten zählen. Mittels dokumentarischer und essayistischer Einschübe versucht die Autorin, die sicher auch dem indischen Leser wenig vertraute Situation der Ureinwohner zu er­schließen. Dadurch werden für die ländliche Entwicklung Indiens relevante Themen in einer beachtli­chen Bandbreite – von Familienplanung bis zur Grünen Revolution – ge­streift. Vom lite­rarischen Gesichtspunkt her gerät dadurch allerdings der Erzählfluß sehr ins Stocken. Aufge­wogen wird dies durch den Einblick in die Interventionen von Staat und Gesellschaft (vertreten durch eine NGO) in einem zur Peri­pherie zählenden Gebiet. Das Ziel, die Stam­mesangehörigen an sich, losgelöst aus ihrem Kontext, darzu­stellen, steckt sich die Autorin erst gar nicht: „’Kann man die Entfernung zur Sonne messen, indem man einen Drachen steigen läßt? Selbst die Vögel kennen sie nicht. […] Wie können wir sagen, was die Vö­gel wissen und was nicht?“ (S. 24).

Hans Escher


Mahasweta Devi, Aufstand im Munda-Land. Roman. Ins Deutsche übertragen von Barbara DasGupta mit Unterstützung der „Heidelberger Südasiengruppe“. Horlemann Verlag, Bad Honnef 2005, 17,80 Euro Noch wenige Exemplare erhältlich: sarini, c/o Johan­nes Laping,  e-mail: sarini-jl@gmx.de

Geschichte wird fast immer von den Herrschenden, aus der Perspektive der dominierenden Gruppen der Gesellschaft geschrieben. Geschichtsträchtige Orte befinden sich meist in den Metropolen und weniger auf dem flachen Land. Eine Geschichtsbetrachtung aus dem Blickwinkel von Minderheiten kommt nicht oft vor. Häufig wird eine regionale Geschichtsschreibung als Folklore abgetan. In diesem Sinne wird auch der Beitrag von Indiens Ureinwohner- und Stammesvölkern (Adivasi) zum antikolonialen Freiheitskampf entschieden zu wenig gewürdigt. Selbst in von linken indischen Historikern herausgegebenen Schulbüchern wird auf den Widerstand der Adivasi gegen die britische Vorherrschaft kaum eingegangen.

„Geschichte von unten“ präsentiert dagegen die angesehene Schriftstellerin Mahasweta Devi (*1926), die mit ihrem schon 1975 im bengalischen Original erschienenen Roman „Aranyer Adhikar“ („Die Rechte über den Wald“) auf die Widerstandsbewegung des Birsa Munda (1872 – 1900) aufmerksam machte. Dieser Roman, der in den historischen Distrikten Ranchi und Singhbum des heutigen Bundesstaates Jharkhand spielt, ist seit kurzem unter dem Titel „Aufstand im Munda-Land“ in deutscher Sprache zugänglich. Birsa Munda stellte trotz seines jugendlichen Alters von nicht einmal 30 Jahren für sein Volk eine charismatische Führerpersönlichkeit dar. Er trat auf als politischer Messias und wurde von seinen Anhängern – den „Birsaiten“ –  als Gott verehrt. In einem fesselnden Erzählfluß zeichnet die Autorin Birsas Weg vom Sohn einer bitterarmen Familie zum allseits anerkannten Führer nach, der das Selbstvertrauen und den Mut seines Volkes auf eine erstaunliche Art und Weise aufrichtete. Die Mundas waren – wie alle Stammesvölker in der Region etwa 400 Kilometer westlich von Kalkutta – durch die Kolonialherren und durch deren Verbündete, Großgrundbesitzer und Geldverleiher, sehr in die Defensive gedrängt worden. Nach dem Trauma von 1857 (Niederschlagung der als „Meuterei“ bekannten gesamtindischen Erhebung) kochte der Widerstand auf kleiner Flamme. Die Sardars, Führer der Mundas, beschränkten sich auf das Einreichen von Petitionen, die jedoch von den Behörden nicht ernstgenommen wurden. Erst Birsa Munda konnte die schwelende Unzufriedenheit in einen umfassenden und kraftvollen Widerstand kanalisieren. Obwohl der ungleiche Kampf von Pfeil und Bogen gegen Gewehre in einem Fiasko endete und Birsa Munda selbst unter unwürdigen Bedingungen im Gefängnis von Ranchi starb, stellt er heute eine der Identifikationsfiguren der Adivasi Jharkhands und darüber hinaus dar. Sein Beispiel spornt die Ureinwohner somit auch heute noch an, für ihre Rechte und für ihre Selbstbestimmung zu kämpfen, zumal sie in Birsas Heimatregion nicht mehr die numerische Mehrheit bilden.

Mahasweta Devi präsentiert sich mit diesem Roman als eine authentische Stimme der Dritten Welt und des Antikolonialismus. Sie, die in einer patriotisch gesinnten Familie aufwuchs, dokumentiert deutlich die Widersprüche und die Scheinheiligkeit der britischen Herrschaft in Indien. Die Missionare (interessanterweise sowohl auf protestantischer als auch auf katholischer Seite aus Deutschland kommend) als wichtige Einflußgröße setzen sich nach Devis Darstellung zwar für die Ureinwohner ein, fungieren aber letztlich als Anhängsel und Informanten des Herrschaftssystems. Die Autorin hat hier in ihrer Darstellung nicht übertrieben, sondern sich in ihrer dichterischen Freiheit eher beschränkt: Ihr Roman entstand in enger Anlehnung an eine 1966 erschienene Monographie über den „Ulgulan“ (Aufstand der Mundas) des bekannten indischen Anthropologen K.S. Singh. In großer Klarheit, spannend und temporeich wird der absolut ungewöhnliche Weg Birsas geschildert von einer Kindheit in Hunger und Unwissenheit bis zur Festnahme mitsamt mehreren hundert Anhängern im Frühjahr 1900 auf dem „Dombari Hill“. Es verdient Anerkennung, daß gerade in der jetzigen Zeit, in welcher der von Gandhi und Nehru geführte Freiheitskampf zeitlich und bewußtseinsmäßig in den Hintergrund rückt und in der die Ideale der Freiheitsbewegung ähnlich fern wirken, das Werk dieser Mahasweta Devi auch außerhalb Indiens zugänglich gemacht wird.

Hans Escher


Mahasweta Devi: Daulati. Roman. Ins Deutsche über­tragen von der „Heidelberger Südasien­gruppe“. Verlag Bonner Siva Series, Axel Wagner, Bonn 2002, Euro 12,00

Die Erfahrungen der Nagesiya-Stammesangehörigen Bano, Ganori und dessen Tochter Daulati machen das zentrale Thema dieses Romans anschaulich: das System der Schuldknechtschaft oder abhängigen Armut im ländlichen Indien. Besonders eindringlich beschreibt Mahasweta Devi das Schicksal des Mädchens Daulati, das ahnungslos entführt und dazu gezwungen wird, eine Geldschuld ihres Vaters durch Prostitution abzuarbeiten. Die in Kalkutta lebende 74jährige Autorin schreibt engagiert gegen soziale Ungerechtigkeit, Diskrimination und Armut und ergreift Partei für die Kastenlosen und Stammesvölker Indiens.

Abdruck der Kurzbeschreibung aus: Ergänzungsliste zur 4. aktualisierten Auflage (Juli 2004) der INDIEN – LESEEMPFEHLUNGEN, herausgegeben von der Indienhilfe e.V., 82211 Herrsching


Mari Marcel Thekaekara, Das doppelte Auge. Wie Adivasi und Deutsche ihren Blick schär­fen und neue Welten entdecken. Ein Reisebe­richt. Übersetzt aus dem Englischen von Christiane Fischer und Yan-Christoph Pelz. VVB Laufersweiler Verlag 2001, 126 Seiten, ISBN 3-89687-051-3

Seit 1991 gibt es Kontakte zwischen Adivasi aus dem Gudalur-Distrikt in Südindien, deren dortigen Unterstützern und Menschen in Deutschland. Vor diesem Hintergrund ent­stand 1995 das Adivasi-Teeprojekt als Ar­beitsgruppe der Evangelischen StudentIn­nengemeinde. Das Projekt sollte zum Erwerb einer Teeplantage durch die Adivasi-Gemein­schaft (insgesamt fünf Ureinwohner-Völker leben im Gudalur-Tal) beitragen. Die Madhu­vana-Plantage ist inzwischen aufgrund ver­schiedener Faktoren vollständig Adivasi-Eigentum. Ihr Betrieb soll die Finanzierung vor allem von Bildungs- und Gesundheitsein­richtungen, die von der Unterstützer-NGO an die Ureinwohner übergeben wurden, ermögli­chen.

Der Kontakt zwischen Indern und Deutschen beziehungsweise Adivasi und Deutschen konzentrierte sich nie ausschließlich auf die Organisation von Hilfe, sondern umfaßte im­mer auch das Element des interkulturellen Austausches. 1997 war in diesem Aus­tauschprozess der Zeitpunkt gekommen, an dem Adivasi aus Gudalur erstmals die Part­ner in Deutschland besuchten. Menschen, die ihren Distrikt nie verlassen hatten, denen selbst die Städte ihres eigenen Landes fremd waren, wurde ermöglicht, in eine völlig an­dere Welt zu reisen. Da der Prozess von ge­genseitigen Besuchen, sofern er Reisen nach Deutschland betraf, nicht mehr länger auf Deutsche und indische Adivasi-Unterstützer beschränkt bleiben sollte, war der Besuch zu diesem Zeitpunkt überfällig. Mari Marcel The­kaekara, Journalistin und Mitarbeiterin der Unterstützer-NGO, fand es wert, diese span­nende Phase in der Begegnung von Men­schen aus extrem gegensätzlichen Hinter­gründen in Form eines Reiseberichtes zu do­kumentieren. Sie beschränkte sich dabei je­doch nicht nur auf das Erleben der Adivasi, sondern erforschte im Rahmen einer eigenen Recherche-Maßnahme auch die Reaktionen der deutschen Seite, was den Titel des Bu­ches erklärt. Den befremdendsten Eindruck bei den Adivasi hat die bloße Existenz von Altersheimen in der Kultur des Nordens aus­gelöst. Der Besuch einer gut ausgestatteten, gut zu funktionieren scheinenden Einrichtung in Hamburg führte zu erheblichen Irritationen. Es mutete den Adivasi als extreme seelische Grausamkeit an, daß die Senioren fern von ihren Familien in eigenen Heimen separiert leben. In der Adivasi-Gemeinschaft wohnen und arbeiten alle Generationen einer Familie eng unter einem Dach zusammen. Ein Gebot lautet, die alten Menschen wie Götter zu be­handeln. Kein religiöses Fest, keine größere Aktivität im Bauernjahr wie Säen oder Ernten kann ohne den Segen der Alten stattfinden. Diese Erfahrung von Kulturschock wurde nicht verdrängt, sondern während und auch noch nach der Reise intensiv diskutiert. Es ehrt die Autorin, daß sie dieses Thema in ihrem Reisebericht nicht ausgespart hat. Keineswegs war die Befremdung jedoch das prägende Erlebnis der Begegnungen. Trotz eines ungewohnten Umfeldes strahlten die Adivasi ein hohes Maß an Begeisterung und Energie aus, was in dem Buch durchgehend zum Ausdruck kommt.

Hans Escher


Martin Kämpchen: Das Geheimnis des Flötenspielers. Hammer Verlag, Wuppertal 1999, 221 S., 13,80 €

Gegen den Willen des Vaters bemüht sich der ehrgeizige Schona, als erster des Adivasi-Dorfes ein College zu besuchen. Sein Freund Bismal, ein einfacher Tagelöhner und begnadeter Flötenspieler, hat für solche Pläne nur ein Lächeln übrig. Er will das schöne Mädchen aus dem Nachbardorf heiraten, umherziehen und seine Flöte von den Abenteuern des Lebens erzählen lassen. Voller Humor und Sinnlichkeit wird hier eine fremde, von Gegensätzen geprägte Kultur ohne Exotik oder Romantisierung geschildert. Der Autor, Martin Kämpchen, lebt seit vielen Jahren regelmäßig in dem geschilderten Santhal-Dorf. bei Bolpur/Shantiniketan.

Abdruck der Kurzbeschreibung aus: Ergänzungsliste zur 4. aktualisierten Auflage (Juli 2004) der INDIEN – LESEEMPFEHLUNGEN, herausgegeben von der Indienhilfe e.V., 82211 Herrsching


Zai Whitaker, Keine Angst vor Krokodilen. Eine Geschichte aus Indien. Aus dem Engli­schen übersetzt von Christine Holliger. Verlag Nagel & Kimche, Zürich in Coproduktion mit dem Gabriel Verlag, Wien, 2000. Herausge­geben vom Kinderbuchfonds Baobab der Er­klärung von Bern und terres des hommes schweiz, 175 Seiten, Euro 12,90.

Diese Geschichte ist wie ein Märchen. Ihr Held, ein Schuljunge namens Arif, entflieht einem unglücklichen Leben bei Onkel und Tante in Mumbai. Nach einer abenteuerlichen Flucht über Chennai nach Port Blair auf den Andamanen, nach Tätigkeiten dort als Zie­genhirte und Wärter für Krokodile, gelangt er auf eine einsame Insel dieses Archipels, das etwa 1000 Kilometer östlich vom indischen Festland liegt. Ganz einsam ist diese Insel freilich nicht, da ihm eines Tages mit Eetha Aleho ein Junge des auf der Nachbarinsel lebenden Jarawa-Volkes begegnet. Trotz al­ler Gegensätze zwischen dem Großstadtjun­gen aus der oberen Mittelklasse und seinem Alters­genossen aus dem Naturvolk freunden sich die beiden an. In einem weiteren Schritt wird Arif sogar auf der Nachbarinsel aufge­nommen. Ausgerechnet  bei diesem aus gu­ten Gründen wenig zugänglichem Volk fühlt er sich nach langer Zeit erstmals wieder zu Hause. Die volle Integration gelingt Arif, nachdem er auch noch in der Lage ist, seine neue Heimat vor Eindringlingen zu retten: Durch Geschenk-Expeditionen von Regie­rungsvertre­tern war bereits die Lebensweise des von der Natur lebenden Volkes empfind­lich gestört worden. Nur aufgrund von Arifs Intervention wird der unerbetene Besuch un­üblicherweise ablehnend empfangen, was zur Einstellung dieser schädlichen Tradition führt.

Mit dieser ereignisreichen, spannend erzähl­ten Geschichte des Verlusts und Wiederfin­dens von Heimat gibt die Autorin Einblicke in die bunte Vielfalt des indischen Subkonti­nents. In den detaillierten Schilderungen von Flora und Fauna kommt der Hintergrund von Zai Whitaker – sie ist die Tochter eines be­kannten Naturforschers – klar zum Ausdruck. Im großen Finale ihrer Erzählung richtet sie die Aufmerksamkeit auf die Situation der Ur­ein­wohner-Völker der Andamanen. Seit die britischen Kolonialherren diese Inselgruppe im 19. Jahrhundert zu einer Strafkolonie machten, sind deren Zahlen so drastisch zu­rückgegangen, daß sie heute vom Ausster­ben bedroht sind. Nur noch 500 Mitglieder soll das Jarawa-Volk zählen, was als kritische Größe gilt, um sich hinsichtlich der Erbmasse halten zu können. Vor Beginn der Besiedlung unter den Briten dürfte die Gesamtzahl der Urein­wohner auf den Andamanen mehrere tausend betragen haben.

Whitaker schildert die Lebensgewohnheiten der Jarawas aus der Perspektive des Arif, der sich während seiner Zeit in Mumbai durch eifriges Einschalten des Discovery-Fernseh­kanals ein für das Leben in der Natur äußerst nützliches Wissen angeeignet hat. Traditi­onell bestreiten die Ureinwohner ihren Le­bensunterhalt mit Jagen, Sammeln und Fi­schen. Wie dieses Leben mit und von der Natur – auch im unabhängigen Indien – zu­nehmend bedroht wird, macht die Geschichte ebenfalls deutlich. Während Whitakers Er­zählung mit einem „und so lebten sie glück­lich bis ans Ende ihrer Tage“ so märchenhaft wie sie begonnen hat abschließt, ist in der realen Welt die indische Regierung nicht in der Lage, das leise Sterben ganzer Völker zu stoppen. Durch ein Nachwort von Göpf Ber­weger von der Gesellschaft für bedrohte Völ­ker-Schweiz werden wichtige Informationen zur aktuellen Situation gegeben. Wie sehr die Einschätzung der in einer Überlebensfrage versagenden Regierung zutrifft, zeigt ein kürzlich ergangenes Urteil des Obersten Ge­richts von Kalkutta. Darin ordnen die Richter an, dem Wildern, der Landnahme von außen und der Waldzerstörung im Jarawa-Gebiet ein Ende zu setzen. Das Verfahren war von einer andamanischen NGO angestrengt wor­den. Diese befürchtet – wohl zu Recht -, daß die gegenwärtig betriebene Politik des offe­nen Kontaktes gegenüber den Jarawas zu deren Ver­nichtung führen würde.

Hans Escher


Pratibha Ray, The Primal Land (Adibhumi), Translated by Bikram K. Das, Orient Long­man, Hyderabad 2001, 298 S., 350 Rupien

Die Bondas sind eine nur etwa 5-6.000 Ange­hörige zählende Stammesgemeinschaft, die im Süden des indischen Bundesstaates Orissa lebt. Wegen verschiedener Besonder­heiten ihrer Kultur und ihrer Lebensweise sind sie seit einer Reihe von Jahren Ge­genstand von ethnologischen Forschungen und spe­zieller Bemühungen der Admini­stration um ihre „Entwicklung“. Die Autorin Pratibha Ray (geb. 1944) hat selbst als Ethnologin bei den Bondas gelebt und gearbeitet. Erst zu einem späteren Zeitpunkt hat sie ihre literari­sche Neigung entdeckt. Heute gilt sie in Orissa als eine der führenden Schriftstellerin­nen. „The Primal Land“ wurde erstmals 1993 in der Landessprache Oriya veröffent­licht. Das Buch gliedert sich im wesentlichen in zwei Teile. In der ersten Hälfte beschreibt die Autorin ein­fühlsam den Alltag der Bondas, ihre ur­sprüngliche, zum Teil archaische Lebens­weise, auch die Dra­matik der Lebenszyklen. Immer wieder wer­den  Traditionen und My­then in die Handlung eingeflochten, so daß ein dichtes, aber den­noch ungeschöntes Bild der Bonda-Gemein­schaft entsteht. Etwa ab der Mitte des Buches wird von den allmähli­chen Berührungen der Bondas mit der Außenwelt berichtet. Die da­mit beginnende schleichende Unterhöhlung der Bonda-Kultur wird auf eindringliche Weise fühlbar und nachvollziehbar. Die traditionellen Außen­kontakte der Bondas durch ihre bishe­rigen Mittlerpersonen tragen ebenso dazu bei wie durchaus ehrlich gemeinte Entwick­lungsan­sätze. Am schlimmsten wirken sich jedoch die amtli­chen Bemühungen aus, die die geplante Mo­derni­sierung der Bondas zu einer einzigen Farce machen. Die alte Bonda-Kultur ist in Auflö­sung begriffen. In der größ­ten Krise be­sinnen sich jedoch einige der Protagonisten auf die Tradition und machen sich zum Wider­stand bereit.

Johannes Laping

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