Adivasi-Koordination

Solidarität mit
Indiens
Ureinwohnern

Literatur

Anmerkung: Diese Literaturliste ist noch im Aufbau und daher bei weitem nicht vollständig. Informationen über fehlende Literatur können an den Webmaster gesendet werden.

Von der Adivasi-Koordination herausgegebene Bücher

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Sachbücher/wissenschaftliche Publikationen

Women Against Sexual Violence and State Repression (Hg.), Das Schweigen brechen. Sexualisierte Gewalt in Süd-Chhattisgarh“. Aus dem indischen Englisch: Freund*innen des 17. April, Berlin. Redaktionelle Bearbeitung der deutschen Fassung: Freund*innen des 17. April. Mitherausgeberin: Adivasi-Koordination in Deutschland e.V., 2018

Der Bundesstaat Chhattisgarh liegt in Zentralindien. Rund 32 Prozent der Bevölkerung sind Adivasi, konzentriert vor allem im Süden des Bundesstaates. Seit mehr als zehn Jahren wird hier ein Konflikt ausgetragen zwischen staatlichen Sicherheitskräften auf der einen und bewaffneten maoistischen Untergrundgruppen (Naxaliten) auf der anderen Seite. Hunderte von Adivasi-Dörfern wurden seitdem zerstört. Viele tausende unschuldige Menschen wurden vergewaltigt, verletzt oder getötet. Zehntausende haben ihre Existenzgrundlage verloren und sind in die benachbarten Bundesländer geflüchtet (siehe Adivasi-Rundbrief 61, Oktober 2017). In „Das Schweigen brechen. Sexualisierte Gewalt in Süd-Chhattisgarh“ wird in einer ausführlichen Dokumentation der Fokus auf einen Aspekt der erheblichen Menschenrechtsverletzungen gerichtet. Verfasserinnen des englischen Originales sind die „Women against Sexual Violence and State Repression (WSS)“ (Frauen gegen sexualisierte Gewalt und staatliche Repression), ein indienweites Netzwerk von Frauen unterschiedlicher politischer und sozialer Bewegungen. Das Buch kann online gelesen werden auf www.adivasi-koordination.de (Sektion „Aktuelles“). Das gedruckte Buch kann bestellt werden bei: sarini, c/o J.Laping, Mandelring 49, 67433 Neustadt/W. – sarini.jl[at]gmx.de

Nandini Sundar, The Burning Forest, India’s War in Bastar, 432 Seiten, Juggernaut Books, 2016

Auszug aus dem Vorwort: „Als Indien im Jahr 2003 den Bergbau liberalisierte, wurde die von Maoisten ausgeübte Kontrolle über Bastar als ein erhebliches Hindernis für eine schnelle Industrialisierung und den dafür erforderlichen Landerwerb gesehen. Wirtschaftsverbände wie die Federation of Indian Chambers of Commerce and Industry (FICCI) unterstützten ausdrücklich die Offensive der Regierung gegen die Maoisten und riefen dazu auf, daß der private Sektor sich in dieser Sache engagieren solle: Die sich intensivierende Kontrolle der Maoisten über weite Teile des an Rohstoffen reichen Gebietes könne sich bald negativ auf einige Investitionsvorhaben auswirken. […] Menschenrechts-Aktivist*innen argumentieren, daß es kein Zufall ist, daß Salwa Judum [siehe dazu Adivasi-Rundbrief 33 – November 2008] gerade zu dem Zeitpunkt – im Juni 2005 – begann, als die Landesregierung von Chhattisgarh mit dem Unternehmen Tata eine Vereinbarung über die Errichtung einer Stahlfabrik unterzeichnete. Ungefähr zur selben Zeit erwarb das Unternehmen Essar Land für eine weitere Stahlfabrik in den Dörfern Dhurli und Bhansi. Zugleich wurden Tata und Essar Abbaurechte für Eisenerz in den Bailadilla-Bergen zugesprochen.“

„When land is lost, do we eat coal?“ Bericht von amnesty international, London, 2016. https://www.amnesty.org/en/documents/asa20/ 4391/2016/en/

Landerwerb und Bergbauarbeiten des indischen Staatsunternehmens „Coal India Limited“, des größten Kohleförderers der Welt, haben tiefgreifende Folgen für indigene Adivasi-Gemeinschaften. Ganze Dörfer müssen gigantischen Tagebauten weichen, ohne dass die Bewohner*innen vorher gefragt oder überhaupt darüber informiert werden, dass ihr Land von der Regierung erworben wurde. Obwohl sie durch den Kohleabbau ihr Land verloren, wurden Betroffene weder konsultiert noch entschädigt.

Chhattisgarh – State of Siege: Report on Encounters and Cases of Sexual Violence in Bijapur and Sukma Districts. Released by Coordination of Democratic Rights Organisations (CDRO) and Women against Sexual Violence and State Repression (WSS). April 2016. Herausgeber: People’s Union for Democratic Rights (PUDR). http://pudr.org

Mitglieder der Coordination of Democratic Rights Organisation (CDRO) und von Women against Sexual Violence and State Repression (WSS) führten vom 16. bis zum 22.Januar 2016 eine Untersuchungsreise in Dörfer der Distrikte Bijapur und Sukma durch. Das Team erforschte die Tötung vier unbewaffneter Bewohner des Dorfes Peddajojer (Distrikt Bijapur) durch Sicherheitskräfte am 15. Januar 2016 sowie Gewalttaten in großer Dimension, insbesondere sexuelle Gewalt, durch Sicherheitskräfte in den Dörfern Nendra (Distrikt Bijapur) und Kunna (Distrikt Sukma) zwischen 11. und 14.Januar 2016.

Blackout in Bastar. Human Rights Defenders under Threat. Veröffentlicht von Amnesty International India, Bangalore, 2016, 21 Seiten; http://www.amnesty.org.in

Aus der Einleitung: „Die Meinungsfreiheit in Chhattisgarh wird erdrosselt, nachdem die Regierung hart gegen die Medien und die Zivilgesellschaft vorgeht. Während der letzten sechs Monate hat der zentralindische Bundesstaat einen kontinuierlichen Angriff gegen Journalisten und Menschenrechtsverteidiger erlebt. Willkürliche Verhaftungen, Bedrohung von Leib und Leben und eine systematische Behinderung der Arbeit von Journalisten, Rechtsanwälten und anderer Menschenrechtsverteidiger haben zu einer nahezu vollständigen Nachrichtensperre geführt. Lokaljournalisten, die über Mißstände im Verhalten der Sicherheitskräfte recherchierten, wurden mit erdichteten Anklagepunkten festgenommen und gefoltert, während ihre Anwälte bedroht wurden. Zum Mißbrauch einladende Sicherheitsgesetze wurden angewendet.

Dungdung, Gladson: Mission Saranda – A war for natural resources in India. XXVIII + 244 p. Bir Buru Ompay Media & Entertainment LLP, Ranchi 2015 ISBN 978-81-908959-8-9, INR 300/-

Diese Publikation von Gladson Dungdung hat die Region Saranda im Singhbum-Distrikt im Süden des Bundesstaates Jharkhand (nahe der Grenze zu Odisha) im Fokus. Hier gibt es reichhaltige Eisenerzbestände. Zugleich erstrecken sich über eine große Fläche noch unberührte Wälder, welche ideale Rückzugsmöglichkeiten für die Naxaliten (bewaffnete maoistische Gruppen) bieten. Gegen die Naxaliten ist unter anderem eine Polizeitruppe der indischen Zentralregierung, die Central Reserve Police Force (CRPF), aktiv. Die Adivasi, in Saranda überwiegend Angehörige des Ho-Volkes, werden von beiden Seiten unter sehr starken Druck gesetzt.

Dungdung, Gladson: Whose country is it anyway? Untold stories of the Indigenous Peoples of India. 2013. 280 Seiten. Verlag Adivaani (Kolkata, Indien), kartoniert, 200 Rupien

Das Buch von Gladson Dungdung ist ein Glücksfall für die internationale Szene der UnterstützerInnen der Adivasi-Bewegung(en) in Indien. Denn hier liefert ein noch relativ junger Aktivist aus Jharkhand, der gut vernetzt ist mit den regionalen Bewegungen auch in anderen Teilen Indiens, höchst aufschlussreiche und engagierte Berichte über die Schwierigkeiten und den fortgesetzten Kampf der Adivasi um ein selbstbestimmtes Überleben. Die Beiträge sind zum größten Teil schon vorher als Blogs oder als Zeitschriftenartikel veröffentlicht worden. Sie sind für diese Buchveröffentlichung offensichtlich nicht noch einmal überarbeitet worden, denn bisweilen wiederholen sich die allgemeinen Feststellungen. Das mindert die Qualität des Buches jedoch keinesfalls, denn es lässt sich jeder Beitrag auch einzeln lesen und enthält doch die notwendige Hinführung zum jeweiligen Thema. Thematisch gebündelt befassen sich die großen Abschnitte mit den Themengruppen „Gewalt“, „Zwangsumsiedlungen“, „Besitzrechte an Land und Waldgebieten“, „Konfrontation zwischen Staatsgewalt und Guerrilla-Bewegungen“, „Machenschaften der Großunternehmen“, „Demokratie und die Rolle der Zivilgesellschaft“. Gladson Dungdung liefert dabei Einsichten und Analysen, wie wir sie in der internationalen Presse selten finden. Als Beispiel herausgehoben seien hier nur die Beiträge zum Thema Gewalt gegenüber Adivasi-Frauen. Während die abscheuliche Gruppenvergewaltigung einer jungen Mittelklassefrau in Delhi Ende 2012 die indische Mittelklasse, ja sogar Bollywood-Stars und die Weltpresse, in Aufruhr brachte, erhielt das Schicksal der Adivasi-Frau Soni Sori aus Chhattisgarh nur in den sehr begrenzten Kreisen von Menschenrechtsorganisationen die gebührende Öffentlichkeit. Völlig unbeachtet bleiben aber die zahllosen Gewalthandlungen von Nicht-Adivasi-Männern gegenüber Adivasi-Frauen, die fast –so will es scheinen – nur als Kavaliersdelikte durchgehen, jedenfalls in den weitaus meisten Fällen straffrei bleiben. „Sind diese nicht genauso Frauen?“ fragt der Autor treffend in der Überschrift.

Johannes Laping

Speak Up! Sozialer Aufbruch und Widerstand in Indien. Herausgegeben von Fleig, Elina; Kumar, Madhuresh; Weber, Jürgen. 2013. 320 Seiten. Verlag Assoziation A (Berlin/Hamburg), kartoniert, 18 Euro

Es kommt nicht oft vor, dass auf dem deutschen Buchmarkt ein Titel erscheint, der sich anders als belletristisch, bewundernd oder Erbarmen heischend mit Indien befasst. Unter der Oberfläche des glanzvollen Indiens (“Shining India“, seit ein paar Jahren der Vermarktungsslogan der herrschenden Klasse) gibt es jedoch vielfältige sozialpolitisch sehr aktive Bewegungen, welche allerdings zum Teil selbst in Indien wenig wahrgenommen werden und im Ausland einem breiteren Publikum wohl weitgehend unbekannt sind. Die deutschsprachige Publikation „Speak Up! Sozialer Aufbruch und Widerstand in Indien“ bietet eine breit angelegte Übersicht über das Spektrum der Bewegungen vom Narmada-Widerstand und der Bhopal-Kampagne über autonome Gewerkschaftsbewegungen bis hin zu vielleicht etwas modernistisch klingenden Gender-Ansätzen (die Transgender-Thematik allerdings hat in Indien eine sehr lange und wenig bekannte Geschichte). Das Buch ist in sieben Hauptabschnitte gegliedert, denen die HerausgeberInnen jeweils einführende Texte vorangestellt haben. Die Benennung der Kapitel ist alleine schon ein wenig theoretisierend und die Zuordnung der einzelnen Beiträge erscheint etwas beliebig. Einige der Beiträge sind in Gesprächsform gehalten. Die indischen GesprächspartnerInnen, AutorInnen oder Kollektive, die zu Wort kommen, stammen überwiegend aus der gebildeten Mittelschicht, sind also eher unterstützende AktivistInnen als selbst von den beschriebenen Verhältnissen Betroffene. Das führt in manchen Beiträgen des Buches zu einem eher theoretischen Ansatz, der leider durch die Befragungsweise der HerausgeberInnen oft noch verstärkt wird. Dies macht das Buch selbst für Menschen, die die Verhältnisse aus eigener Beobachtung kennen, teilweise etwas schwer lesbar. Es wäre für die LeserInnen auch hilfreich gewesen, die vorgestellten Initiativen und AktivistInnen mit ein paar Sätzen zu charakterisieren. Die am Ende des Buches abgedruckte Liste von „Linkempfehlungen“ kann dies nur bedingt leisten. Das unbestrittene Verdienst dieser Publikation besteht jedoch darin, der deutschsprachigen Öffentlichkeit die sozialen Bewegungen in Indien in ihrer ganzen Breite nahe zu bringen.

Johannes Laping

Felix Padel and Samarendra Das, Out of This Earth: East India Adivasis and the Aluminium Cartel, 752 Seiten, Orient Blackswan New Delhi 2010

„Der ökonomische Imperialismus eines winziges Insel-Königreiches (England) hält heute die Welt in Ketten“, stellte Mahatma Gandhi im Jahr 1928 fest. „Wenn die ganze Nation von 300 Millionen Menschen sich auf eine ähnliche ökonomische Ausbeutung verlagern würde, würde sie die Welt kahl fressen wie Heuschrecken.“ Inzwischen sind die Heuschrecken angekommen, das Herzland von Indien wird von ihnen kahl gefressen. In ihrer Studie über „die ostindischen Adivasi und das Aluminium-Kartell“ beschreiben der Anthropologe Felix Padel und der Filmemacher Samarendra Das die Plünderung der Ressourcen in den rohstoffreichen Bundesstaaten Orissa, Jharkhand, Chhattisgarh und Andhra Pradesh – eine Ausbeutung von einer derart entsetzlichen Dimension, daß man sich an die schlimmsten Exzesse des Kolonialismus erinnert fühlt. Die Wälder, Berge und Völker Zentralindiens werden verwüstet, damit Unternehmer das Bauxit, Eisenerz, Kohle und andere Rohstoffe von „unter der Erde“ bekommen – damit sie noch nie da gewesene Profite für sich persönlich, ihre finanziellen Förderer und die Minister und Beamten erhalten, welche von ihnen bestochen werden. Dieses Buch fasziniert durch die ungewöhnliche Tiefe der Recherche und die unvergessliche Lektion, die man über das Phänomen der Rohstoffgewinnung in seiner globalen Komplexität und lokalen Perversität lernen kann. Das Buch schockt, indem es Schritt für Schritt die Propaganda enttarnt, wodurch klar wird, eine wie schwache Kontrolle die Bürger sogar einer Demokratie über ihr Schicksal haben. Die Adivasi-Frau (oder die indigene Inderin) ist nicht mehr frei in ihrer Entscheidung, an welchem Berghang sie ihre Hütte errichtet, was sie auf ihrem Gehöft anbauen wird, von welcher bewaldeten Schlucht sie ihr Brennholz sammelt, von welchem kristallklarem Bach sie ihr Wasser holt and was sie ihren Kindern zu essen gibt – also wie sie überhaupt leben wird.

Madhusree Mukerjee

Ulrike Bürger, Staudamm oder Leben! Indien: Der Widerstand an der Narmada, Verlag Graswurzelrevolution Heidelberg 2011, 222 Seiten, 14,90 Euro

Das Buch „Staudamm oder Leben! Indien: Der Widerstand an der Narmada“ beschreibt eines der größten Staudammprojekte der Welt: das „Narmada Valley Development Project“ (NVDP), welches in den letzten Jahrzehnten stark umkämpft war. Bei vollständiger Fertigstellung des Projektes werden mindestens eine Million Menschen vertrieben und das Leben der 25 Millionen Menschen im Narmada-Tal radikal verändert sein. Im Buch werden die Auswirkungen des Projektes auf das Leben der Bevölkerung am Beispiel zweier Staudämme – Maan und Maheshwar – beschrieben. Von einem der beiden Staudämme – Maan – sind fast nur Adivasi betroffen. Das Buch porträtiert auch die Widerstandsbewegung Narmada Bachao Andolan NBA (Bewegung zur Rettung der Narmada), die sich den brutalen und manipulativen Repressionsstrategien von Staat und Konzernen entgegensetzt.

C.R.Bijoy, Shankar Gopalakrishnan and Shomona Khanna, India and the Rights of Indigenous Peoples. Constitutional, Legislative and Administrative Provisions Concerning Indigenous and Tribal Peoples in India and their Relation to International Law on Indigenous Peoples. Asia Indigenous Peoples Pact (AIPP) [An Organization of Indigenous Peoples Movements in Asia], Chiang Mai/Thailand, 2010, www.aippnet.org

 

Rakesh Kalshian (Ed.) Caterpillar and the Mahua Flower. Tremors in India’s Mining Fields. Panos South Asia (PSA), New Delhi, June 2007, 208 pp., 150 Rs., ISBN 978-99933-766-7-5

Indiens Wirtschaft ist in Bewegung. Am deutlichsten zeigt sich das bei den Wachstumsraten. Diese haben mit 8 bis 9 Prozent ein Niveau erreicht, welches noch vor einem Jahrzehnt als ein Ding der Unmöglichkeit erklärt worden wäre. Eine Wirtschaft mit einer derartigen Dynamik wie Indien benötigt natürlich zunehmend Rohstoffe. Hinsichtlich Erschließung und Abbau ist die Zahl entsprechender Projektplanungen in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Die betreffenden Initiativen sind auf die rohstoffreichen Bundesstaaten Orissa, Jharkhand und Chhattisgarh konzentriert. Diese Staaten weisen zugleich einen überdurchschnittlich hohen Bevölkerungsanteil an Adivasi („scheduled tribes“ in der amtlichen Terminologie) auf. In Orissa ist ein Anteil von 22 Prozent zur Stammesbevölkerung zu rechnen, in Jharkhand sind es 26 Prozent und in Chhattisgarh beträgt die Rate 32 Prozent (sämtliche Angaben gemäß Volkszählung 2001). Seit Indiens Unabhängigkeit wurden Adivasi überproportional stark zu Opfern von Großprojekten. Laut Studien sollen etwa 15 Prozent aller Adivasi seit 1947 von Zwangsumsiedlungen betroffen gewesen sein, während ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung derzeit etwa acht Prozent beträgt. Die Großprojekte wurden in der Regel über ihre Köpfe hinweg geplant und durchgeführt. Entschädigungsleistungen waren zumeist unzureichend oder überhaupt nicht existent. In der Vergangenheit nahmen Adivasi Zwangsumsiedlungen oft ohne größeren Widerstand hin (siehe dazu die Adivasi-Rundbriefe 25 und 28, in welchen die Zwangsumsiedlungen im Kontext des Rourkela-Stahlwerk-Projektes dargelegt werden). Heute hat sich das geändert insofern, als Ansätze einer selbstbewußten Zivilgesellschaft, welche Mitsprache einfordert, entstanden sind. Eine große Rolle als Vorbild spielte und spielt in diesem Zusammenhang für ganz Indien die Bewegung gegen die gigantischen Staudamm-Projekte am Narmada-Fluss.
Heftige Konflikte zwischen den Planern einer umfassenden Rohstoff-Erschließung und den auf ihr Selbstbestimmungsrecht pochenden Adivasi (und anderen ländlichen Bevölkerungsgruppen) stehen also in den drei genannten Bundesstaaten bevor. In diesem Zusammenhang kann die Tötung von 12 Adivasi durch Polizeikräfte in der Nähe eines von Tata Steel geplanten Unternehmenskomplexes in Kalinga Nagar/Orissa im Januar 2006 (siehe Adivasi-Rundbrief 26, Mai 2006) als Vorbote zu einer Vielzahl von Konflikten betrachtet werden. Das von „Panos South Asia“ herausgegebene Buch „Caterpillar and the Mahua Flower. Tremors in India’s Mining Fields“ (Planierraupen und Mahua-Blüte. Beben in Indiens Bergbau-Gebieten) stellt mit Beiträgen verschiedener kompetenter Autoren die Konfliktbereiche vor. Dazu gehören die noch immer akute Auseinandersetzung in Kalinga Nagar, der Uranabbau in Jadugoda/Jharkhand, der Abbau von Eisenerz in der Region Bailadila/Chhattisgarh, der Kohleabbau durch Mahanadi Coalfields Ltd. (MCL) im Jharsuguda-Distrikt/Orissa, der Bauxit-Abbau in Mainpat/Chhattisgarh, der Bauxit-Abbau in Orissa allgemein sowie der Abbau von Kohle in Jharia im Dhanbad-Distrikt/Jharkhand. Die Beiträge des im Juni 2007 erschienenen Buches stammen von Autoren, die in der jeweiligen Region verwurzelt sind bzw. dort lange und intensiv geforscht haben. Das Buch mit den sehr verständlich geschriebenen Aufsätzen ist vor diesem Hintergrund und wegen der hohen Relevanz des Themas sehr zu empfehlen.

Hans Escher

Ram Dayal Munda, Adi-Dharam. Religious Beliefs of the Advasis of India. An outline of religious reconstruction with special reference to the Jharkhand region. Adivaani Kolkata, 2014. ISBN 978-93-844650-0-1, 48 S.

Ram Dayal Munda (1939-2011) aus Ranchi/Jharkhand, über Jahrzehnte die anerkannte Adivasi-Führungsfigur und zugleich Kulturwissenschaftler, stellt in dieser Kleinschrift die Grundzüge der traditionellen Adivasi-Religion vor. Die traditionelle Adivasi-Religion ist schon seit langem sehr in Bedrängnis: Bei Volkszählungen etwa wird die traditionelle Adivasi-Religion oft dem Hinduismus zugeordnet oder unter „sonstige“ registriert. Es war ein großes Anliegen von Ram Dayal Munda, mit seiner Publikation die Adivasi-Identität gegenüber der indischen Mehrheits-Religion zu verteidigen und denen, die Indien als hundertprozentige Hindu-Nation verstehen, entgegen zu treten. Das Buch erschien bereits im Jahr 2000 als Nr. 3 der Reihe sarini occasional papers und wurde jetzt mit einem Vorwort von Samar (Sanjay) Bosu Mullick, enger Mitstreiter Mundas, im Adivaani-Verlag wiederveröffentlicht.


sarini Occasional Papers No.1: Indigenous Peoples in India, 61p., 1997. Dieses Buch ist z.Z. vergriffen.

Inhalt: I.Who are the Adivasi? II. The situation of the Adivasi on the national level III. The situation of the Adivasi on regional level IV. Adivasi and forest – adivasi and land V. Adivasi and autonomy


Mallebrein, Cornelia: Die Anderen Götter. Volks- und Stammesbronzen aus Indien.

Umschau Buchverlag 1999. 559 S.

Im Zuge der Modernisierung Indiens sind gerade die Traditionen der Waldbewohner und die des ländlichen Indiens einem rapiden Zerfall ausgesetzt. Es ist deshalb wichtig, die Herkunft der Bronzen, die Art ihrer Herstellung und die religiöse Bedeutung sowie ihre Funktion, z.B. im Ritual, so weit wie möglich zu erforschen und festzuhalten, wie es hier geschehen ist. Der umfassende Katalog zu einer Ausstellung des Rautenstrauch-Joest-Museums für Völkerkunde der Stadt Köln, Ergebnis einer umfassenden interdisziplinaren Studie und Feldforschung. Empfehlenswert!

Abdruck der Kurzbeschreibung aus: Ergänzungsliste zur 4. aktualisierten Auflage (Juli 2004) der INDIEN – LESEEMPFEHLUNGEN, herausgegeben von der Indienhilfe e.V., 82211 Herrsching

Belletristik

Jacinta Kerketta, Tiefe Wurzeln. Gedichte Hindi und Deutsch. Aus dem Hindi übersetzt und nachgedichtet von Vijay K. Chhabra, Brigitte Komarek-Chhabra und Johannes Laping. 2018, Draupadi-Verlag Heidelberg in Kooperation mit Bharatiya Jnanpith, New Delhi, Indien, 168 Seiten, 14,00 Euro

Mit „Tiefe Wurzeln“ liegt nun ein zweiter Gedichtband der Adivasi-Lyrikerin Jacinta Kerketta in deutscher Sprache vor. Jacinta wurde 1983 im Dorf Khudpos, nahe der Industriestadt Rourkela im Bundesstaat Jharkhand geboren. Heute lebt Jacinta zwar in Jharkhands Hauptstadt Ranchi, fühlt sich jedoch weiterhin mit dem Dorf Khudpos, wo ihre Mutter lebt, verbunden. Dementsprechend ist das Spannungsverhältnis zwischen Stadt und Land eines ihrer großen Themen: „Der Wechsel vom Dorf in die Stadt stellt für alle Adivasi eine schmerzliche Erfahrung dar, erklärt die junge Dichterin im Vorwort des Buches. „Manche verlassen ihr Dorf, um etwas zu erreichen und nach ihrer Rückkehr auch hier etwas zu verändern. Doch andere gehen weg und kommen nie wieder. Wie es mir selbst ergangen ist, als ich aus meinem Dorf fortging und wie ich den Weg zurück ins Dorf fand, und was ich dabei fühlte, das habe ich in diesem zweiten Gedichtband beschrieben. Die emotionale Verbindung mit allem – Dschungel, Blumen, Bäche, Hügel, Frauen, Dörfer, Städte – zeige ich in diesem Buch!“

Geschichten aus dem Dschungel. Erzählungen der Warli Adivasis in Thane, Maharashtra. Gesammelt, bearbeitet und übersetzt von Pradip Prabhu und Shiraz Bulsara für Kashtakari Sanghatna. 60 Seiten, Draupadi Verlag, Heidelberg 2016

Die Warli sind eine etwa 300.000 Köpfe zählende Adivasi-Gemeinschaft, die unter anderem im Distrikt Thane nordöstlich von Mumbai lebt. Mit dem neu erschienen Buch werden Geschichten, Fabeln oder Parabeln zu Papier gebracht. Diese entstammen der mündlichen Überlieferung und behandeln verschiedene Aspekte der Stammesgeschichte, der Lebensweise der Kultur und des Ethos der AdivasiGemeinschaft. Die Geschichten werden von Priesterinnen bei Hochzeitszeremonien gesungen, von den Geschichtskundigen der Gemeinschaft bei Zeremonien oder einfach von alten Männern und Frauen den Jüngeren informell weitergegeben. Die mündliche Überlieferung stirbt immer mehr aus, der Assimilationsdruck ist hoch. Die im Distrikt Thane seit vielen Jahren aktive NGO Kashtakari Sanghatna hat die Geschichten gesammelt und dokumentiert sowie Hintergrund-Informationen zu jeder Geschichte zusammengestellt. Die Übersetzung aus der englischen Erstausgabe besorgte Johannes Laping, Mitglied der Adivasi-Koordination.

Jacinta Kerketta, Glut – Angor, Gedichte Hindi und Deutsch. Aus dem Hindi ins Deutsche übertragen und nachgedichtet von Brigitte Komarek-Chhabra und Johannes Laping. 2016, Draupadi-Verlag Heidelberg (in Kooperation mit adivaani, Kolkata, Indien). 159 Seiten, 12,00 Euro

Warum Gedichte als literarische Ausdrucksform? „Seit meiner Kindheit befand sich gleichsam ein Glutstück irgendwo in meinem Inneren und glühte vor sich hin. In der Familie sah ich, wie meine Mutter Verletzungen infolge von häuslicher Gewalt davontrug, und bereits in jungen Jahren begann diese Glut, die Form von Gedichten anzunehmen. Lange Zeit ertönte im Inneren meines Schweigens das Schluchzen meiner leidenden Mutter. Unter den Umständen, vorzeitig erwachsen werden zu müssen, gab mir meine Kreativität die Kraft, Verantwortung für den Haushalt zu übernehmen. Schon in der Kindheit erlebte ich in meinem Dorf, wie nahe Verwandte unverschuldet und grundlos bei Auseinandersetzungen um Land Opfer von Mordanschlägen durch Nicht-Adivasis wurden. Als ich später als freie Journalistin Dörfer und Waldgebiete besuchte, machte ich die Erfahrung, dass von den Blättern in den Wäldern nicht Tau herabtropfte, sondern Blut. Und daraus entstanden dann wie von selbst Gedichte“ (aus dem Vorwort von „Glut – Angor“).

Sarini in Zusammenarbeit mit Adivasi-Organi­sationen in Indien (Hg.), Stimmen der Adiva­sis. „In unseren Träumen sehen wir unser Land“. Verlag Bonner Siva Series, Axel Wag­ner, 142 Seiten, Euro 12,00. ISBN 3-926548-98-3. Von diesem Buch gibt es auch eine englische Ausgabe. Infos: sarini, c/o Johan­nes Laping,  e-mail: sarini-jl[at]gmx.de

Nur wenigen hierzulande ist bekannt, daß Indien eines der Länder mit einem mit acht Prozent recht hohen Anteil an Ureinwohnern  ist. Entsprechend spärlich ist die deutsch­sprachige Literatur zu die­sem Thema. Immer­hin gibt es eine einführende Darstellung (Rainer Hörig, Selbst die Götter haben sie uns geraubt, Indiens Adivasi kämpfen ums Überleben, 1990) und ein leider vergriffenes Buch, das den Zugang zur Kultur eines be­stimmten Ureinwohner-Volkes vermittelt (Stefan Fuchs, Das Leben ist ein Tanz. Lie­der der indi­schen Ureinwohner, 1990). Die “Stimmen der Adi­vasi” stellen eine Novität dar. Erstmals kommen Adivasi selbst zu Wort. Dies ist Ausdruck einer Hoffnung ma­chenden Entwicklung. Über lange Zeit gehörten die Ureinwohner zu den Bevölkerungs­gruppen, die kaum zu Gehör kamen. Die in dem Buch dokumentierten Zeugnisse stammen alle aus neuerer Zeit. Technische Hilfsmittel wie unter anderem Tonband- und Videogeräte haben eine Auf­zeichnung der „Stimmen“ erheblich vereinfacht. Dagegen zeigen die Inhalte, daß die Nöte der Urein­wohner zunehmen: Auf­grund von Großprojekten und allgemeinem Bevölkerungswachstum sind sie mehr denn je in der Defensive. Ihre Lebensgrundlage wird mehr und mehr eingeschränkt. Aufgrund von Originalaussagen bietet das Buch auch  ei­nen Einblick in den entsprechenden Wider­stand. Die ausgewählten Texte sind von einer gro­ßen Eindringlichkeit und einer hohen dichterischen Qualität. Beim Lesen des Bu­ches entsteht nie das Gefühl, langatmige Re­solutionen vor sich zu haben. Damit auch der Leser, für den das Thema neu ist, sich zu­rechtfindet, gibt es zu jedem der fünf Ab­schnitte eine Einführung so­wie Erläuterungen zu den einzelnen Texten. Es handelt sich um ein rundherum gelungenes und ansprechen­des Werk.

Hans Escher


Mahasweta Devi, Pterodactylus. Roman. Ins Deutsche über­tragen von der „Heidelberger Südasien­gruppe“. Verlag Bonner Siva Series, Axel Wagner, Bonn 2000, Euro 12,00. Noch wenige Exemplare erhältlich: sarini, c/o Johan­nes Laping,  e-mail: sarini-jl@gmx.de

Einer Privatinitiative haben wir es zu verdan­ken, daß erstmals ein größeres literarisches Werk der indischen Schriftstellerin Mahas­weta Devi in deutscher Sprache vorliegt. Die in Kalkutta lebende 74jährige Autorin ist eine Intellektuelle, die sich einmischt. Sie schreibt und handelt für die Benachteilig­ten ihrer Ge­sellschaft. In den letzten Jahren wurde sie vor allem wegen ihres Einsatzes für die ehemals als kriminelle Stämme gebrandmarkten Ur­einwohner-Völker bekannt. Auch wenn sie nicht mehr direkt als verbreche­risch bezeich­net werden, müssen diese Völker auch im unabhängigen Indien mit dem von den Kolo­nialherren übernommenen Kainsmal des Kri­minell-Seins leben. Mahasweta Devis politi­sche Leistung findet eine Entsprechung in ihrem literarischen Wirken. Mehrfach hat sie Aner­kennung in Form von angesehenen Li­teraturpreisen erhalten. Thema des 1987 erstmals in einer Zeit­schrift veröffentlichten Pterodactylus ist ebenfalls das Schicksal von Indiens Stammesvölkern. Der Titel des Ro­manes kommt von einem Schatten, der in Gestalt eben die­ser Urreptil-Art geheimnis­voll über dem Ort der Hand­lung, einem Stammes-Gebiet in Zentralindien, schwebt und der die Figuren des Stücks in sei­nem Bann hält. Den Ur­einwohnern vom Volk der Nagesias zeigt die Himmelserschei­nung, daß nichts in ihrem Leben mehr im Lot ist. Das Eindringen der „Zivilisa­tion“ hat die Totenruhe der Vorfahren zerstört, indem etwa Straßen über deren Grä­ber errich­tet wurden. Mit dem Pterodac­tylus als beherrschenden Faktor des Romanes gibt die Autorin einen Einblick in das Denken von Menschen, die, des Lesens und Schreibens unkundig, ihr Le­ben als von übersinnlichen Kräften bestimmt interpretieren: „’Sie mußten sich irgendeine Erklä­rung schaffen: für diese Kreatur oder den Schatten. Sie bekommen weder Nah­rungsmittel, noch Wasser, noch eine Straße. Es gibt keine Jagd mehr. Singen und Tanzen hören auf’“ (S.35). Von daher ist der Ptero­dactylus weniger ein phantastischer Roman als ein dem Denken und Fühlen von Urein­wohnern ziemlich nahekommendes Werk. Diejenige Figur der Handlung, die den Leser an diese völlig fremde Welt heranführt, ist der Jour­nalist Puran Sahay, der auf Einla­dung des mit ihm befreundeten, für Entwick­lungs­maß­nahmen zuständigen Beamten Ha­ris­haran den Entwicklungsblock Pirtha  be­sucht. Da­durch, daß diese beiden Protagoni­sten als aufrichtig, ehrlich und artikuliert prä­sentiert werden, wird es der Autorin möglich, in einer Vielzahl von Dialogen das Leben in der indi­schen Provinz direkt und realitätsnah zu schildern. Mahasweta Devi verrät dabei eine intime Kennerschaft der Mentalität der im ländlichen Raum Handelnden, wozu vor allem die in einem Spannungsverhältnis stehenden gewählten Politiker und die Beamten zählen. Mittels dokumentarischer und essayistischer Einschübe versucht die Autorin, die sicher auch dem indischen Leser wenig vertraute Situation der Ureinwohner zu er­schließen. Dadurch werden für die ländliche Entwicklung Indiens relevante Themen in einer beachtli­chen Bandbreite – von Familienplanung bis zur Grünen Revolution – ge­streift. Vom lite­rarischen Gesichtspunkt her gerät dadurch allerdings der Erzählfluß sehr ins Stocken. Aufge­wogen wird dies durch den Einblick in die Interventionen von Staat und Gesellschaft (vertreten durch eine NGO) in einem zur Peri­pherie zählenden Gebiet. Das Ziel, die Stam­mesangehörigen an sich, losgelöst aus ihrem Kontext, darzu­stellen, steckt sich die Autorin erst gar nicht: „’Kann man die Entfernung zur Sonne messen, indem man einen Drachen steigen läßt? Selbst die Vögel kennen sie nicht. […] Wie können wir sagen, was die Vö­gel wissen und was nicht?“ (S. 24).

Hans Escher


Mahasweta Devi, Aufstand im Munda-Land. Roman. Ins Deutsche übertragen von Barbara DasGupta mit Unterstützung der „Heidelberger Südasiengruppe“. Horlemann Verlag, Bad Honnef 2005, 17,80 Euro Noch wenige Exemplare erhältlich: sarini, c/o Johan­nes Laping,  e-mail: sarini-jl@gmx.de

Geschichte wird fast immer von den Herrschenden, aus der Perspektive der dominierenden Gruppen der Gesellschaft geschrieben. Geschichtsträchtige Orte befinden sich meist in den Metropolen und weniger auf dem flachen Land. Eine Geschichtsbetrachtung aus dem Blickwinkel von Minderheiten kommt nicht oft vor. Häufig wird eine regionale Geschichtsschreibung als Folklore abgetan. In diesem Sinne wird auch der Beitrag von Indiens Ureinwohner- und Stammesvölkern (Adivasi) zum antikolonialen Freiheitskampf entschieden zu wenig gewürdigt. Selbst in von linken indischen Historikern herausgegebenen Schulbüchern wird auf den Widerstand der Adivasi gegen die britische Vorherrschaft kaum eingegangen.

„Geschichte von unten“ präsentiert dagegen die angesehene Schriftstellerin Mahasweta Devi (*1926), die mit ihrem schon 1975 im bengalischen Original erschienenen Roman „Aranyer Adhikar“ („Die Rechte über den Wald“) auf die Widerstandsbewegung des Birsa Munda (1872 – 1900) aufmerksam machte. Dieser Roman, der in den historischen Distrikten Ranchi und Singhbum des heutigen Bundesstaates Jharkhand spielt, ist seit kurzem unter dem Titel „Aufstand im Munda-Land“ in deutscher Sprache zugänglich. Birsa Munda stellte trotz seines jugendlichen Alters von nicht einmal 30 Jahren für sein Volk eine charismatische Führerpersönlichkeit dar. Er trat auf als politischer Messias und wurde von seinen Anhängern – den „Birsaiten“ –  als Gott verehrt. In einem fesselnden Erzählfluß zeichnet die Autorin Birsas Weg vom Sohn einer bitterarmen Familie zum allseits anerkannten Führer nach, der das Selbstvertrauen und den Mut seines Volkes auf eine erstaunliche Art und Weise aufrichtete. Die Mundas waren – wie alle Stammesvölker in der Region etwa 400 Kilometer westlich von Kalkutta – durch die Kolonialherren und durch deren Verbündete, Großgrundbesitzer und Geldverleiher, sehr in die Defensive gedrängt worden. Nach dem Trauma von 1857 (Niederschlagung der als „Meuterei“ bekannten gesamtindischen Erhebung) kochte der Widerstand auf kleiner Flamme. Die Sardars, Führer der Mundas, beschränkten sich auf das Einreichen von Petitionen, die jedoch von den Behörden nicht ernstgenommen wurden. Erst Birsa Munda konnte die schwelende Unzufriedenheit in einen umfassenden und kraftvollen Widerstand kanalisieren. Obwohl der ungleiche Kampf von Pfeil und Bogen gegen Gewehre in einem Fiasko endete und Birsa Munda selbst unter unwürdigen Bedingungen im Gefängnis von Ranchi starb, stellt er heute eine der Identifikationsfiguren der Adivasi Jharkhands und darüber hinaus dar. Sein Beispiel spornt die Ureinwohner somit auch heute noch an, für ihre Rechte und für ihre Selbstbestimmung zu kämpfen, zumal sie in Birsas Heimatregion nicht mehr die numerische Mehrheit bilden.

Mahasweta Devi präsentiert sich mit diesem Roman als eine authentische Stimme der Dritten Welt und des Antikolonialismus. Sie, die in einer patriotisch gesinnten Familie aufwuchs, dokumentiert deutlich die Widersprüche und die Scheinheiligkeit der britischen Herrschaft in Indien. Die Missionare (interessanterweise sowohl auf protestantischer als auch auf katholischer Seite aus Deutschland kommend) als wichtige Einflußgröße setzen sich nach Devis Darstellung zwar für die Ureinwohner ein, fungieren aber letztlich als Anhängsel und Informanten des Herrschaftssystems. Die Autorin hat hier in ihrer Darstellung nicht übertrieben, sondern sich in ihrer dichterischen Freiheit eher beschränkt: Ihr Roman entstand in enger Anlehnung an eine 1966 erschienene Monographie über den „Ulgulan“ (Aufstand der Mundas) des bekannten indischen Anthropologen K.S. Singh. In großer Klarheit, spannend und temporeich wird der absolut ungewöhnliche Weg Birsas geschildert von einer Kindheit in Hunger und Unwissenheit bis zur Festnahme mitsamt mehreren hundert Anhängern im Frühjahr 1900 auf dem „Dombari Hill“. Es verdient Anerkennung, daß gerade in der jetzigen Zeit, in welcher der von Gandhi und Nehru geführte Freiheitskampf zeitlich und bewußtseinsmäßig in den Hintergrund rückt und in der die Ideale der Freiheitsbewegung ähnlich fern wirken, das Werk dieser Mahasweta Devi auch außerhalb Indiens zugänglich gemacht wird.

Hans Escher


Mahasweta Devi: Daulati. Roman. Ins Deutsche über­tragen von der „Heidelberger Südasien­gruppe“. Verlag Bonner Siva Series, Axel Wagner, Bonn 2002, Euro 12,00

Die Erfahrungen der Nagesiya-Stammesangehörigen Bano, Ganori und dessen Tochter Daulati machen das zentrale Thema dieses Romans anschaulich: das System der Schuldknechtschaft oder abhängigen Armut im ländlichen Indien. Besonders eindringlich beschreibt Mahasweta Devi das Schicksal des Mädchens Daulati, das ahnungslos entführt und dazu gezwungen wird, eine Geldschuld ihres Vaters durch Prostitution abzuarbeiten. Die in Kalkutta lebende 74jährige Autorin schreibt engagiert gegen soziale Ungerechtigkeit, Diskrimination und Armut und ergreift Partei für die Kastenlosen und Stammesvölker Indiens.

Abdruck der Kurzbeschreibung aus: Ergänzungsliste zur 4. aktualisierten Auflage (Juli 2004) der INDIEN – LESEEMPFEHLUNGEN, herausgegeben von der Indienhilfe e.V., 82211 Herrsching


Mari Marcel Thekaekara, Das doppelte Auge. Wie Adivasi und Deutsche ihren Blick schär­fen und neue Welten entdecken. Ein Reisebe­richt. Übersetzt aus dem Englischen von Christiane Fischer und Yan-Christoph Pelz. VVB Laufersweiler Verlag 2001, 126 Seiten, ISBN 3-89687-051-3

Seit 1991 gibt es Kontakte zwischen Adivasi aus dem Gudalur-Distrikt in Südindien, deren dortigen Unterstützern und Menschen in Deutschland. Vor diesem Hintergrund ent­stand 1995 das Adivasi-Teeprojekt als Ar­beitsgruppe der Evangelischen StudentIn­nengemeinde. Das Projekt sollte zum Erwerb einer Teeplantage durch die Adivasi-Gemein­schaft (insgesamt fünf Ureinwohner-Völker leben im Gudalur-Tal) beitragen. Die Madhu­vana-Plantage ist inzwischen aufgrund ver­schiedener Faktoren vollständig Adivasi-Eigentum. Ihr Betrieb soll die Finanzierung vor allem von Bildungs- und Gesundheitsein­richtungen, die von der Unterstützer-NGO an die Ureinwohner übergeben wurden, ermögli­chen.

Der Kontakt zwischen Indern und Deutschen beziehungsweise Adivasi und Deutschen konzentrierte sich nie ausschließlich auf die Organisation von Hilfe, sondern umfaßte im­mer auch das Element des interkulturellen Austausches. 1997 war in diesem Aus­tauschprozess der Zeitpunkt gekommen, an dem Adivasi aus Gudalur erstmals die Part­ner in Deutschland besuchten. Menschen, die ihren Distrikt nie verlassen hatten, denen selbst die Städte ihres eigenen Landes fremd waren, wurde ermöglicht, in eine völlig an­dere Welt zu reisen. Da der Prozess von ge­genseitigen Besuchen, sofern er Reisen nach Deutschland betraf, nicht mehr länger auf Deutsche und indische Adivasi-Unterstützer beschränkt bleiben sollte, war der Besuch zu diesem Zeitpunkt überfällig. Mari Marcel The­kaekara, Journalistin und Mitarbeiterin der Unterstützer-NGO, fand es wert, diese span­nende Phase in der Begegnung von Men­schen aus extrem gegensätzlichen Hinter­gründen in Form eines Reiseberichtes zu do­kumentieren. Sie beschränkte sich dabei je­doch nicht nur auf das Erleben der Adivasi, sondern erforschte im Rahmen einer eigenen Recherche-Maßnahme auch die Reaktionen der deutschen Seite, was den Titel des Bu­ches erklärt. Den befremdendsten Eindruck bei den Adivasi hat die bloße Existenz von Altersheimen in der Kultur des Nordens aus­gelöst. Der Besuch einer gut ausgestatteten, gut zu funktionieren scheinenden Einrichtung in Hamburg führte zu erheblichen Irritationen. Es mutete den Adivasi als extreme seelische Grausamkeit an, daß die Senioren fern von ihren Familien in eigenen Heimen separiert leben. In der Adivasi-Gemeinschaft wohnen und arbeiten alle Generationen einer Familie eng unter einem Dach zusammen. Ein Gebot lautet, die alten Menschen wie Götter zu be­handeln. Kein religiöses Fest, keine größere Aktivität im Bauernjahr wie Säen oder Ernten kann ohne den Segen der Alten stattfinden. Diese Erfahrung von Kulturschock wurde nicht verdrängt, sondern während und auch noch nach der Reise intensiv diskutiert. Es ehrt die Autorin, daß sie dieses Thema in ihrem Reisebericht nicht ausgespart hat. Keineswegs war die Befremdung jedoch das prägende Erlebnis der Begegnungen. Trotz eines ungewohnten Umfeldes strahlten die Adivasi ein hohes Maß an Begeisterung und Energie aus, was in dem Buch durchgehend zum Ausdruck kommt.

Hans Escher


Martin Kämpchen: Das Geheimnis des Flötenspielers. Hammer Verlag, Wuppertal 1999, 221 S., 13,80 €

Gegen den Willen des Vaters bemüht sich der ehrgeizige Schona, als erster des Adivasi-Dorfes ein College zu besuchen. Sein Freund Bismal, ein einfacher Tagelöhner und begnadeter Flötenspieler, hat für solche Pläne nur ein Lächeln übrig. Er will das schöne Mädchen aus dem Nachbardorf heiraten, umherziehen und seine Flöte von den Abenteuern des Lebens erzählen lassen. Voller Humor und Sinnlichkeit wird hier eine fremde, von Gegensätzen geprägte Kultur ohne Exotik oder Romantisierung geschildert. Der Autor, Martin Kämpchen, lebt seit vielen Jahren regelmäßig in dem geschilderten Santhal-Dorf bei Bolpur/Shantiniketan.

Abdruck der Kurzbeschreibung aus: Ergänzungsliste zur 4. aktualisierten Auflage (Juli 2004) der INDIEN – LESEEMPFEHLUNGEN, herausgegeben von der Indienhilfe e.V., 82211 Herrsching


Zai Whitaker, Keine Angst vor Krokodilen. Eine Geschichte aus Indien. Aus dem Engli­schen übersetzt von Christine Holliger. Verlag Nagel & Kimche, Zürich in Coproduktion mit dem Gabriel Verlag, Wien, 2000. Herausge­geben vom Kinderbuchfonds Baobab der Er­klärung von Bern und terres des hommes schweiz, 175 Seiten, Euro 12,90.

Diese Geschichte ist wie ein Märchen. Ihr Held, ein Schuljunge namens Arif, entflieht einem unglücklichen Leben bei Onkel und Tante in Mumbai. Nach einer abenteuerlichen Flucht über Chennai nach Port Blair auf den Andamanen, nach Tätigkeiten dort als Zie­genhirte und Wärter für Krokodile, gelangt er auf eine einsame Insel dieses Archipels, das etwa 1000 Kilometer östlich vom indischen Festland liegt. Ganz einsam ist diese Insel freilich nicht, da ihm eines Tages mit Eetha Aleho ein Junge des auf der Nachbarinsel lebenden Jarawa-Volkes begegnet. Trotz al­ler Gegensätze zwischen dem Großstadtjun­gen aus der oberen Mittelklasse und seinem Alters­genossen aus dem Naturvolk freunden sich die beiden an. In einem weiteren Schritt wird Arif sogar auf der Nachbarinsel aufge­nommen. Ausgerechnet  bei diesem aus gu­ten Gründen wenig zugänglichem Volk fühlt er sich nach langer Zeit erstmals wieder zu Hause. Die volle Integration gelingt Arif, nachdem er auch noch in der Lage ist, seine neue Heimat vor Eindringlingen zu retten: Durch Geschenk-Expeditionen von Regie­rungsvertre­tern war bereits die Lebensweise des von der Natur lebenden Volkes empfind­lich gestört worden. Nur aufgrund von Arifs Intervention wird der unerbetene Besuch un­üblicherweise ablehnend empfangen, was zur Einstellung dieser schädlichen Tradition führt.

Mit dieser ereignisreichen, spannend erzähl­ten Geschichte des Verlusts und Wiederfin­dens von Heimat gibt die Autorin Einblicke in die bunte Vielfalt des indischen Subkonti­nents. In den detaillierten Schilderungen von Flora und Fauna kommt der Hintergrund von Zai Whitaker – sie ist die Tochter eines be­kannten Naturforschers – klar zum Ausdruck. Im großen Finale ihrer Erzählung richtet sie die Aufmerksamkeit auf die Situation der Ur­ein­wohner-Völker der Andamanen. Seit die britischen Kolonialherren diese Inselgruppe im 19. Jahrhundert zu einer Strafkolonie machten, sind deren Zahlen so drastisch zu­rückgegangen, daß sie heute vom Ausster­ben bedroht sind. Nur noch 500 Mitglieder soll das Jarawa-Volk zählen, was als kritische Größe gilt, um sich hinsichtlich der Erbmasse halten zu können. Vor Beginn der Besiedlung unter den Briten dürfte die Gesamtzahl der Urein­wohner auf den Andamanen mehrere tausend betragen haben.

Whitaker schildert die Lebensgewohnheiten der Jarawas aus der Perspektive des Arif, der sich während seiner Zeit in Mumbai durch eifriges Einschalten des Discovery-Fernseh­kanals ein für das Leben in der Natur äußerst nützliches Wissen angeeignet hat. Traditi­onell bestreiten die Ureinwohner ihren Le­bensunterhalt mit Jagen, Sammeln und Fi­schen. Wie dieses Leben mit und von der Natur – auch im unabhängigen Indien – zu­nehmend bedroht wird, macht die Geschichte ebenfalls deutlich. Während Whitakers Er­zählung mit einem „und so lebten sie glück­lich bis ans Ende ihrer Tage“ so märchenhaft wie sie begonnen hat abschließt, ist in der realen Welt die indische Regierung nicht in der Lage, das leise Sterben ganzer Völker zu stoppen. Durch ein Nachwort von Göpf Ber­weger von der Gesellschaft für bedrohte Völ­ker-Schweiz werden wichtige Informationen zur aktuellen Situation gegeben. Wie sehr die Einschätzung der in einer Überlebensfrage versagenden Regierung zutrifft, zeigt ein kürzlich ergangenes Urteil des Obersten Ge­richts von Kalkutta. Darin ordnen die Richter an, dem Wildern, der Landnahme von außen und der Waldzerstörung im Jarawa-Gebiet ein Ende zu setzen. Das Verfahren war von einer andamanischen NGO angestrengt wor­den. Diese befürchtet – wohl zu Recht -, daß die gegenwärtig betriebene Politik des offe­nen Kontaktes gegenüber den Jarawas zu deren Ver­nichtung führen würde.

Hans Escher


Pratibha Ray, The Primal Land (Adibhumi), Translated by Bikram K. Das, Orient Long­man, Hyderabad 2001, 298 S., 350 Rupien

Die Bondas sind eine nur etwa 5-6.000 Ange­hörige zählende Stammesgemeinschaft, die im Süden des indischen Bundesstaates Orissa lebt. Wegen verschiedener Besonder­heiten ihrer Kultur und ihrer Lebensweise sind sie seit einer Reihe von Jahren Ge­genstand von ethnologischen Forschungen und spe­zieller Bemühungen der Admini­stration um ihre „Entwicklung“. Die Autorin Pratibha Ray (geb. 1944) hat selbst als Ethnologin bei den Bondas gelebt und gearbeitet. Erst zu einem späteren Zeitpunkt hat sie ihre literari­sche Neigung entdeckt. Heute gilt sie in Orissa als eine der führenden Schriftstellerin­nen. „The Primal Land“ wurde erstmals 1993 in der Landessprache Oriya veröffent­licht. Das Buch gliedert sich im wesentlichen in zwei Teile. In der ersten Hälfte beschreibt die Autorin ein­fühlsam den Alltag der Bondas, ihre ur­sprüngliche, zum Teil archaische Lebens­weise, auch die Dra­matik der Lebenszyklen. Immer wieder wer­den  Traditionen und My­then in die Handlung eingeflochten, so daß ein dichtes, aber den­noch ungeschöntes Bild der Bonda-Gemein­schaft entsteht. Etwa ab der Mitte des Buches wird von den allmähli­chen Berührungen der Bondas mit der Außenwelt berichtet. Die da­mit beginnende schleichende Unterhöhlung der Bonda-Kultur wird auf eindringliche Weise fühlbar und nachvollziehbar. Die traditionellen Außen­kontakte der Bondas durch ihre bishe­rigen Mittlerpersonen tragen ebenso dazu bei wie durchaus ehrlich gemeinte Entwick­lungsan­sätze. Am schlimmsten wirken sich jedoch die amtli­chen Bemühungen aus, die die geplante Mo­derni­sierung der Bondas zu einer einzigen Farce machen. Die alte Bonda-Kultur ist in Auflö­sung begriffen. In der größ­ten Krise be­sinnen sich jedoch einige der Protagonisten auf die Tradition und machen sich zum Wider­stand bereit.

Johannes Laping

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